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Weingut Rothe: Gewinner der Goldenen Rebschere 2021

Stabil bio: Maischevergorener Silvaner von Manfred Rothe

„Wunderbar, gerade rechtzeitig!“, begrüßt mich Manfred Rothe an der Tür zu seinem Kelterhaus. Rechtzeitig wofür? Wir gehen ein paar Schritte in das Gebäude hinein und stehen vor zwei Bottichen mit grünbraunen Traubenschalen. „Das wird der Indigenius 2021“, sagt Manfred Rothe, „und in diesem Stadium schaut er am spannendsten aus.“ Also beginnen wir die Geschichte mittendrin und betrachten erst einmal, was hier vor sich geht. Der Indigenius des Jahrgangs 2019 hatte ja kürzlich die Goldene Rebschere als Sieger seiner Kategorie beim Internationalen Preis des Silvaner.Forums gewonnen. Die Kategorie hieß Anders, und genauso sieht der junge Indigenius auch aus.

 

Indigenius 2021 - beim Werden dabei

Mische für den Gewinnerweins des Silvanerpreis 2021Die Traubenschalen auf der Oberseite der Maische wirken bräunlich und riechen deutlich nussig, „nach Grappa“, meint Manfred Rothe. Als er die oberste Schicht beiseiteschiebt, tauchen darunter hellgrün wirkende Schalen mit einem ganz anderen Duft auf, weinig-alkoholisch. „Das ist der Effekt des Sauerstoffs“, erklärt der Winzer. „Oben ist es oxidativ bräunlich, weil die Schalen da stark mit dem Luftsauerstoff in Berührung kommen. Eine Schicht weiter unten ist es reduktiv, also ohne großen Sauerstoffangriff.“ Um alles letztlich einheitlicher werden zu lassen, müssen die Traubenschalen in der starken Gärphase zweimal und in der Nachgärphase einmal am Tag untergestoßen werden, und genau das macht Manfred Rothe nun.

Erst jetzt kommt der flüssige Most zum Vorschein, denn das, was wir hier sehen, ist die legendäre Maischegärung. „Weißer Rotwein sozusagen“, meint Manfred Rothe. Denn wie beim Rotwein werden die Silvanertrauben offen mit Schalen vergoren und nicht gleich abgepresst, wie das ansonsten bei Weißweinen üblich ist. Die Trauben für den Indigenius gären auf der Maische komplett durch, bevor der werdende Wein dann im Tonneau ausgebaut wird.

Weißwein anders bei Manfred Rothe

Wie er darauf gekommen sei, hier in Franken so einen Wein herzustellen, möchte ich von Manfred Manfred Rothe im Weinberg des Siegerweins des SilvanerpreisesRothe wissen. Maischevergorene Weißweine werden international gern als Orange Wine bezeichnet und sind in manchen uralten Weinkulturen wie in Georgien weit verbreitet. Dort war Manfred Rothe selbstverständlich auch schon. Aber seine Inspirationen, bevor er im Jahr 2011 den ersten Indigenius herstellte, waren innovative Winzer in Italien wie Josko Gravner oder Elisabetta Foradori. Entscheidend für die Umsetzung seien dann aber zwei Dinge gewesen. „Einmal war es so, dass es damals eine Tendenz gab, den Weißwein immer jünger zu verkaufen. Jung, jünger, fruchtiger, Kiwi, Maracuja, Frühlingswein, Markenwein, immer dem Markt hinterhergehechelt. Das hat mich genervt. Und dann war es auch schwieriger geworden, Weißwein zu verkaufen, als alle Leute Rotwein wollten.“

Siegerwein Manfred Rothe Silvaner PreisAlso überlegte er sich ganz bewusst, einen Wein zu kreieren, der Elemente von Weißwein und Rotwein miteinander vereint. Der langlebig ist, haltbar, der sich von der Primärfruchtdoktrin verabschiedet. Die Reisen nach Slowenien, nach Norditalien hätten dann den Ausschlag gegeben. So sollte sein neuer Wein sein, ein maischevergorener Silvaner, vollkommen durchgegoren, mit Trub und Gerbstoffen, vollkommen stabil auch. Als Beweis probieren wir den 2015er Indigenius aus einer Flasche, die hier im Weingut seit vier Wochen offen steht. Perfekt gehalten. „Das meine ich damit“, freut sich Manfred Rothe. „Als der Jahrgang 2012 anstand, habe ich gleich die doppelte Menge vom Indigenius gemacht. Dabei hatte ich noch keine einzige Flasche vom 2011er verkauft! So eine Offenbarung war das für mich“, lacht er.

At Home an der Spitze

Lage Siegerweine Silvanerpreis Manfred RotheHeute produziert Manfred Rothe jährlich je nach Ertrag drei bis vier Tonneaux seines Indigenius. Eines der Holzfässer sei dabei immer neu, „der Holztouch soll im Indigenius zu spüren sein, das ist aromatisch ein Teil seines Charakters.“ Seitdem wird der Wein immer wieder hoch bepunktet in den Weinguides, hat schon etliche Preise abgeräumt, sowohl in Franken als auch weit darüber hinaus. „Es war zu Anfang wirklich lustig“, erinnert sich Rothe, „weil der Wein so anders schmeckte, dass die Tester offenbar erst einmal nach neuen Begriffen für die Beschreibung suchen mussten. Da steht dann was von Assamtee, Kümmel und gebackener Banane. Na, das soll jeder für sich selbst entscheiden“, meint er und grinst dabei.

Neu mit dem Jahrgang 2019 ist das Etikett des Indigenius. Da steht nicht mehr nur der Name des Weins, sondern es ist ganz eindeutig das Konterfei seines Machers zu erkennen. „Ja, da hat mich meine weibliche Beratung überzeugt. Bei so einem individuellen Wein sollte doch auch auf dem Etikett schon etwas Persönlicheres zu sehen sein als ein einfacher Schriftzug...“

Inzwischen ist tatsächlich die Sonne hervorgekommen, und wir machen uns schnell auf zu den beiden Parzellen, aus denen die Trauben für den Indigenius stammen. Die erste liegt gar nicht weit entfernt vom Weingut und bietet einen schönen Blick auf Nordheim und den auf der anderen Mainseite liegenden steilen Hang des Escherndorfer Lumps. „Das ist die fotogenere Parzelle“, lacht Manfred Rothe, „deshalb führe ich auch immer die Journalisten genau hierhin.“ Um das Aussehen seines Weinbergs muss er sich ohnehin nie Sorgen machen. Das Weingut ist seit vielen Jahren bio-zertifiziert, die Rebzeilen sind begrünt und erzählen ohne viele Worte von Biodiversität.

Die andere Parzelle für den Indigenius sei aber in Wirklichkeit die hochwertigere, lässt mich der Winzer wissen und fügt noch eine sehr interessante Anekdote hinzu. Vor Jahren hätten die InselWeinMacher, in der sich etliche Winzer der Weininsel zwischen Sommerach und Nordheim zusammengeschlossen haben, einmal einen Workshop gemacht. Da saßen sie vor einer großen Karte und sollten auf die Parzellen Klebepunkte setzen, von denen ihre Großeltern immer gesagt hätten, dass es ihre besten wären. „Das Ergebnis war total verblüffend. Die Punkte lagen nämlich letztlich fast auf einer virtuellen Linie zwischen Nordheim und Sommerach. Und zwar ganz knapp unterhalb der Abbruchkante, weit oben am Hang.“

Dort oben an dieser Kante gibt es für den Wind die meisten Angriffspunkte. Also sei dort der steinigste Untergrund. Das kann man auch klar an den Lesesteinhecken erkennen, die von den Vorfahren der jetzigen Winzer zusammengetragen worden waren. „So etwas gibt es sonst auf der Weininsel nicht.“ Hohe Setz und Starkholz oder Am starken Holz heißen die Gewanne hier. Ich fühle mich an die Sommeracher Gewanne Wilm, Augustbaum oder Rossbach erinnert, die mittlerweile ja auch zaghaft auf den Etiketten auftauchen als Zeichen der besonderen Qualität ihrer Herkunft.

Siegerwein Manfrd Rothe Silvanerpreis 2021Wie schmeckt der Indigenius?

Fehlt zum Abschluss eigentlich nur noch die Beschreibung des Siegerweins selbst, des 2019er Silvaner Indigenius von Manfred Rothe. Nun, ich würde sagen, da gibt es Noten von Assamtee, von Kümmel, von gebackener Banane...

Noch wichtiger als die Aromen sind aber vor allem zwei Komponenten beim Indigenius. Zum einen ist es das spürbare Holz beim jüngeren Wein, dessen Einfluss mit den Jahren der Lagerung natürlich abnimmt. Und zum anderen gibt es Gerbstoffe von den Traubenschalen, die sich ebenfalls mit längerer Lagerung sehr harmonisch einbinden. Wer den Wein jung genießen möchte, sollte deshalb keine Speisen als Begleitung wählen, die aromatisch zu zart sind. Gekochte Gemüse von Artischocken bis Fenchel halten den Gerbstoffen gut stand. Wer gern ein wenig experimentiert und eine Holzergänzung sucht, wird vielleicht mit den süßrauchigen Noten der kantonesischen Küche echte Erweckungserlebnisse haben. In jedem Fall gilt: Dieser Wein ist so individuell und mitreißend wie sein Macher. Und ebenso wie jener noch lange nicht am Ende seiner schöpferischen Kraft angelangt.

Matthias Neske, Weinjournalist und BloggerMatthias Neske
Dr. Matthias Neske ist Weinjournalist und Blogger. Im Auftrag der Winzer der Silvaner Heimat Franken hat er die fränkischen Sieger-Weingüter des Internationalen Preis des Silvaner Forums 2021 besucht.

Unter www.chezmatze.de berichtet er über seine große Leidenschaft Wein in all seinen Facetten.

Mehr über den Internationalen Preis des Silvaner Forums erfahren Sie auf www.silvaner-forum.de