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Mit Augenmaß, Daumendruck und kritschem Blick in die Bücher prüft Marianne Grohme von der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau die jungen Weinstöcke in der Sommerhäuser Rebschule Steinmann.
Foto lwg
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Liegt die Zukunft der Rebenzüchtung im In-vitro-Labor? Petra Steinmann-Gronau von der Rebschule Steinmann in Sommerhausen zeigt, wie sich Pflanzen im Glas – in vitro – vermehren lassen. Foto lwg
 

Wenn Reben in die Schule gehen...

Gesetzesänderungen treffen Winzer, Rebveredler und Beamte. Wenn Reben in die Schule gehen, müssen sie viele Tests bestehen

Kalte Füße holen sie sich sicher in diesen Tagen: Die Frauen, die in den Gewächshäusern der Rebschule Steinmann in Sommerhausen am Main die rund 50.000 überwinternden Tafeltrauben-Topfreben schneiden. Auch Prüferin Marianne Grohme von der Anerkennungsstelle der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim hat sich warm eingepackt: Im Kühlhaus der Rebschule herrscht  Winter – das ganze Jahr über bei rund zwei Grad. Hier warten ca. 500.000 wurzelnackte Reben der Keltersorten auf den Frühling und ihren Umzug auf einen sonnendurchglühten Hang. Die Beamtin prüft sie alle mit Augenmaß, Daumendruck und kritischem Blick in die Bücher: Stimmen Holzqualität, Veredlung, Sorte, Herkunft und Etikett? Und vor allem der EU-Pflanzen-Pass?
Marianne Grohme testet stichprobenartig: Ungefähr alle tausend Reben zieht sie ein Bündel heraus, öffnet es und begutachtet jede einzelne Pflanze. „Alle Reben, die in den Handel gelangen, sollen die gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllen,“ erklärt sie. Die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau ist zuständig für die amtliche Rebpflanzgutanerkennung. Dazu besichtigt Marianne Grohme die Veredlungsbetriebe und deren Bestände in drei Stadien der Erzeugung: Beim Gewinnen der Edelreiser, bei der Produktion der Pfropfreben und schließlich beim Sortieren und Etikettieren der fertigen Reben. Mit diesem Verfahren gewährleistet die LWG das Einhalten der vorgeschriebenen Qualitätsnormen und die gesicherte Herkunft des Rebenmaterials.
Für Frankens Rebveredler bedeuten dies eine exakte Buchführung über den Rebverkehr. „Wir müssen alles dokumentieren,“ erzählt Petra Steinmann-Gronau, Chefin der Rebschule Steinmann und Vorsitzende der Erzeugergemeinschaft der fränkischen Rebpflanzguterzeuger. „Wir sind noch rund zwölf aktive Rebveredler in Franken. Wir halten in Listen fest, von welchen Elternreben und welchem Standort wir Edelreiser geschnitten oder bezogen und natürlich worauf wir sie veredelt haben.“ 
Das gilt für alle vom Bundessortenamt zugelassenen Keltertrauben. 50 davon veredelt zum Beispiel die Rebschule Steinmann, zuzüglich 30 Sorten pilzresistenter Tafeltraubensorten. Ein Fülle von Kombinationen ergeben sich so – und entsprechend viele Daten sind zu prüfen. In der Praxis heißt das: Handschuhe anziehen, um die erdigen Wurzeln und die Veredlungsstelle der Rebe zu testen. Handschuhe wieder ausziehen, um die Zahlen zu vergleichen und – falls richtig - abzuhaken.
In den kommenden Monaten wird der Gesetzgeber die Verordnung für die Pfanzguterzeugung ändern und an die neuen EU-Richtlinien anpassen. Das Augenmerk wird künftig noch stärker auf dem sogenannten phytosänitären Test der Reben liegen: Die Rebenzüchter müssen belegen, dass die Vermehrungsbestände, aus denen die Edelreiser geschnitten wurden,  virusfrei sind. So dürfen zum Beispiel weder die Reisig- noch die Blattrollkrankheit nachweisbar sein. Hierfür reichten bislang das Testen des Ausgangsmaterials und die jährlicheBesichtigung der Bestände aus. Künftig sind die Züchter verpflichtet, die Mutterrebenbestände in regelmäßigen Abständen mittels ELISA-Test labortechnisch untersuchen zu lassen. Für den Käufer bietet dieses Verfahren ein Höchstmaß an Sicherheit und Qualität. Mit sicherheit aber kommen auf die Rebenzüchter dadurch höhere Kosten zu.
In dieser Gesetzesänderung liegt für das Haus Steinmann vielleicht auch eine Chance. Sie ist die einzige private Rebschule in Deutschland, die ein eigenes In-vitro-Labor für Rebenvermehrung betreibt. Unter „in vitro“ versteht man eine moderne Vermehrungstechnik „im Glas“. Aus winzigen Pflanzenteilen wachsen im Labor im Reagenzglas komplette Pflanzen nach, die unter steriler Atmosphäre in Nährlösungen wurzeln. Ein Verfahren, dass im Zierpflanzenbau bereits seit vielen Jahrzehnten angewandt wird – und das nun auch vermehrt für die Erzeugung von Reben herangezogen werden könnte. „So können wir von einem gesunden, getesteten Mutterstock in kürzester Zeit mehrere tausend Nachkommen schaffen,“ erklärt Petra Steinmann-Gronau.
Mit dem In-vitro-Verfahren könnte sich die Rebschule Steinmann vielleicht auch besser gegen die Konkurrenz aus den anderen EU-Staaten wappnen. Denn längst kaufen nicht mehr alle fränkischen Winzer ihre Reben bei fränkischen Rebschulen. Billiger produziert werden Reben heute schon in Osteuropa. Auch der Wunsch nach ausgefallenen Sorten lässt so manchen Auftrag in den Süden oder Osten reisen. Ob von dort jedoch nur erstklassiges Pflanzgut geliefert wird, merkt der Winzer erst nach Jahren im Weinberg. „Wer Wert auf die Vermarktung typisch fränkischer Weine legt, sollte auch die Reben aus Franken beziehen,“ meint zum Beispiel Marianne Grohme.
Eine große Herausforderung für die fränkischen Rebveredler besteht jedes Jahr darin, ein besonderes Gespür für den Weinmarkt und die daraus resultierende Nachfrage der Winzer nach bestimmten Sorten zu entwickeln. „Schließlich müssen wir die Weichen in den Vermehrungsbetrieben bereits zwei Jahre vor dem Auspflanzen der Sorten und gar vier Jahre vor dem ersten Weinverkauf stellen“, erklärt die Vorsitzende der Erzeugergemeinschaft Petra Steinmann-Gronau.
Marianne Grohme hat den Überblick: „An erster Stelle der veredelten Rebsorten stand 2005 der Müller-Thurgau, gefolgt von Silvaner, Bacchus, Domina und Riesling, “erklärt sie. Bei den Rotweinsorten sind die Vermehrungszahlen rückläufig. Erreichten die roten Rebsorten in Franken im Jahr 2001 noch 42 Prozent Anteil an der Gesamtvermehrung, so waren es 2005 nur noch 33 Prozent.
In den nächsten Jahren rechnen die fränkischen Rebveredler bundesweit mit einer rückläufigen Nachfrage nach Pfropfreben seitens der Winzer. Ursachen dafür sind eine gewisse Konsolidierung im Sortenspektrum und Strukturveränderungen. „Außerdem versuchen die Winzer Kosten zu sparen und nutzen ihre Rebflächen länger als bisher“, betont Petra Steinmann-Gronau. Weinbauern, die dennoch kurzfristig in Neuanlagen investieren wollen, müssen jedoch keine Bange haben, dass die Rebschulen nun weniger produzieren: nur ein unbedeutender Anteil der Pfropfrebenerzeugung erfolgt auf Vorbestellung, deshalb pflegen die fränkischen Rebveredler immer einen gewissen Vorrat in ihren Kühlhäusern: Die meisten Rebsortenwünsche der Winzer werden sie im Pflanzjahr 2006 erfüllen können. Da sind sich die fränkischen Rebveredeler sicher.

15 Monate bis zum Weinbergs-Abitur
Schulgeschichte einer Keltertraube

Nach Abschluss der Vegetation im November holen die fränkischen Rebveredler eine ganz besondere Ernte ein: die Pfropfreben für die Weinbergspflanzungen 2006. Bis zur fertigen Pfropfrebe haben die jungen Pflanzen bereits eine 15-monatige Entstehungsgeschichte hinter sich. Im Herbst 2004 haben die Mitarbeiter aus den „Mutterrebenbeständen“ der Sorten, die vermehrt werden sollen, die sogenannten Edelreiser geschnitten. Diese schnitten die Rebveredler in 1-Augen-Stecklinge, pfropften sie bis zum Frühjahr 2005 auf geeignete, reblausresistente Unterlagen. Dieser Vorgang heißt Veredlung. Nach dem wichtigen Prozess des Vortreibens im Gewächshaus, steckten die Mitarbeiter der fränkischen Rebschulen ab Mai 2005 die Pflanzen ins Freiland  der Rebschule - der Fachjargon nennt diesen Vorgang Einschulung. Dort hatten die Pfropfreben bis zum Spätherbst Zeit, gut zu verwachsen und ausreichend Wurzeln und Triebe zu bilden. Im November wurden die jungen Pflanzen ausgeschult. Das heißt, man grub sie wieder aus der Erde und brachte sie in den Rebveredlungsbetrieb zurück. Hier haben die Mitarbeiter sie geprüft und sortiert. Denn nur die einwandfreien Pfropfreben werden gebündelt, etikettiert und für den Verkauf vorbereitet.
„In diesem Jahr erreichten die fränkischen Veredlungsbetriebe zwischen Ein- und Ausschulung im Durchschnitt eine Anwuchsrate von 65 bis 70 Prozent und damit ein sehr gutes Ergebnis,“ erklärt Prüferin Marianne Grohme von der Anerkennungsstelle der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim. „Bei insgesamt 1,15 Millionen eingeschulter Reben ergibt sich eine Ausbeute von rund 690 000 Pflanzen. Mit ihnen lassen sich rund 140 Hektar Rebflächen neu anlegen.

7. März 2006

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